Simara

kompletter Name
Gerhard Schoepke
Geschlecht
männlich
Geburtsdatum
08.02.1944
Beruf/Tätigkeit
Rentner
Geburtsort
Mayen
Deutschland
Autor
simara44
Kurzbiografie

Kleinkindalter

 Die grau-trübe winterliche Wolkendecke verbündete sich mit den düsteren Schieferdächern der Stadt Mayen zu einem Bild, das Schwermut aufkommen ließ. Zudem lastete die Endphase des Zweiten Weltkriegs mit all ihren Entbehrungen und Verlusten schwer auf den Gemütern der Menschen. Ein Tag also, an dem man am liebsten die Scheuklappen dicht gemacht hätte um sich den äußeren Einwirkungen auf die eigene Stimmung zu entziehen. Margarete Schoepke, seit 9 Monaten und 2 Tagen mit Kurt verehelicht, hätte sich wahrscheinlich an diesem Tag ebenfalls in die düstere Gemütslage verkrochen aber in ihrem Leib signalisierte die Frucht der körperlichen Vereinigung in ihrer Hochzeitsnacht, dass es allerhöchste Zeit war, das Kreiskrankenhaus aufzusuchen. Der 8. Februar 1944 war gerade 4 Stunden alt als ich mich auf den Weg in die unwirtliche Welt machte, und zwar nicht etwa so, wie es die meisten Neuankömmlinge tun – nämlich kopfüber. Nein, ich musste dank der Steißlage mit einem Kaiserschnitt „befreit“ werden.

 „Das sind immer besonders schöne Babys“, versuchte sie die Geburtshelferin aufzumuntern. Die Betrachtungen meiner Fotos aus dieser Zeit führen jedoch zu dem Schluss, dass Zweifel an der Verlässlichkeit dieser Behauptung berechtigt sind. Erkennbar war lediglich eine gewisse Unbekümmertheit im Gesichtsausdruck des Säuglings ungeachtet der Tatsache, dass das linke Schienbein in Gips gehüllt war. Eine Folge eines Luftangriffs im Herbst 1944, bei der meine Mutter mit mir auf dem Arm die Treppe hinabstürzte und ich mich dabei verletzte.

 Margarete hatte drei Geschwister: Wilhelmine – genannt Mina, Friedrich – gerufen Fritz und ihr jüngerer Bruder Franz. Letzterer büßte sein Leben ein als 23-jähriger Soldat im Jahre 1941. In Gedenken an ihn, denn es war Margaretes Lieblingsbruder, wurde ich Franz Gerhard genannt.

 Margarete bewohnte zu diesem Zeitpunkt das elterliche Haus seit mehr als 33 Jahren und assistierte ihrer Mutter  - meiner Oma – beim Verkauf im kleinen Lebensmittelgeschäft, das man heute einen Tante-Emma-Laden nennen würde. Der Laden lief außerordentlich gut, zumal er verkaufsstrategisch gut positioniert war – gegenüber dem Kreiskrankenhaus – meiner Geburtsstätte. Es mangelte uns an nichts, was das leibliche Wohl anbetraf. Auf dem großen Balkon im Erdgeschoss lagerten Säcke mit Bucheckern, aus denen Öl gepresst wurde. Im Keller befand sich ein Lager mit allen Artikeln, die im kleinen Verkaufsraum über die Theke gingen. Schon früh, mit etwa drei Jahren, vermochte ich unauffällig meine Schritte in den Lagerraum zu lenken und mich der dort deponierten Süßigkeiten ungeahndet zu bedienen. Dazu gehörten die dicken roten Himbeeren, für die man als Kunde 1 Pfennig zu löhnen hatte. Welches Privileg, diese Köstlichkeit gratis verfügbar zu haben!

 Oma‘s Haus entsprang einem ziemlich einfachen architektonischen Entwurf. Der Keller bestand aus vier Räumen. Im ersten – zur Straße gelegenen Teil waren die Dinge der Bewohner des Hauses untergebracht, die man zu jenen Zeiten bevorratete: Kohlen, Kartoffeln, Eingemachtes. Im angrenzenden Raum fand man den Nachschub für das kleine Lebensmittelgeschäft: Öl, Zucker, Mehl, Salz und natürlich die roten Himbeeren – alles in großen Behältnissen mit denen die Schubladen im Verkaufsraum bei Bedarf nachgefüllt wurden. Vieles wurde abgewogen und in kleinen dreieckigen Tüten an die Kunden verkauft. Zigaretten wurden einzeln verlangt.

 Im links angrenzenden Raum entdeckte man die Waschküche. Von hier konnte man einen Blick in den Garten werfen. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Samstage, an denen nachmittags ein Feuer unter dem eingemauerten Waschkessel entfacht wurde um Wasser zu erhitzen, mit dem man eine Zinkwanne füllte. In ihr vollzog sich meine wöchentliche Ganzkörperreinigung. Noch heute assoziiere ich den Geruch von brennendem Holz mit dem Gedanken an das Bad in jener Zinkwanne. Überhaupt kommen mir oftmals Bilder aus jenen Tagen in den Sinn, wenn mir bestimmte Gerüche in die Nase steigen. Zum Beispiel der Geruch von Jauche. Er erinnert mich sofort an den vierten Raum des Kellergeschosses. Es war eine Art Werkstatt. Der Estrichboden war unterbrochen durch eine 80 mal 80 Zentimeter große Öffnung, die mit einer gusseisernen Platte bedeckt war. Entfernte man sie, so gab sie den Blick frei auf eine braune, feuchte, stinkende Masse. Der aufsteigende Dunst erzeugte eine Mischung aus Brechreiz und Ekel, denn der Kellerraum war im Handumdrehen mit einer Fäkalienwolke gefüllt. Die Bewohner der Siegfriedstraße 13 nannten sie „die Sänk“, was wohl so etwas wie Klärgrube bedeutete. Ich meine, mich zu erinnern, dass in regelmäßigen Abständen eine Teilleerung stattfand, die dann zur Düngung des Bewuchses im angrenzenden Garten diente. Ich vermute, dass oftmals die Grenze der Überdüngung überschritten wurde, denn schließlich handelte es sich hier um die Summe der Körperausscheidungen von fünf Erwachsenen und zwei Kindern. Meine Mutter, mein Vater, meine Oma, Tante Mina, Onkel Albert, deren Tochter Margret und ich.

 Das Erdgeschoss des Gebäudes wurde zu einem Drittel von dem Verkaufsraum des Lebensmittelgeschäfts in Anspruch genommen. Die Theke trennte den etwa 15 Quadratmeter großen Raum in zwei gleiche Teile. Ein Schaufenster von etwa 3 Meter Breite erzeugte bei Tag genug Licht, um auf die elektrische Beleuchtung zu verzichten. Die Wände bestanden aus Holzregalen und Schubladen, in denen das gesamte Sortiment untergebracht war. Beliefert wurde meine Oma schon damals von einer Edeka-Großhandels-Niederlassung. Betrat ein Kunde den Laden, so ertönte eine Klingel und die diensthabende Verkäuferin (Oma, Mutter oder Tante) begaben sich von dem angrenzenden küchenähnlichen Raum hinter die Theke. War meine Mutter eingeteilt, so saß ich oftmals auf dem Sofa in dem Aufenthaltszimmer und war mit drei oder vier Jahren in der Lage, die Kunden an Hand ihrer Stimme zu identifizieren. Zum Lebensmittelgeschäft gehörte noch ein Kohlenlager, das sich neben dem Wohnhaus befand. Dort erwarben die Käufer in überschaubaren Portionen ihre wärmenden Briketts oder Kohlen für den Winter. Überhaupt spielte sich alles in kleineren Maßstäben ab.

Das Schmuckstück des Erdgeschosses war eine großzügige überdachte Veranda. Sie gab den Blick frei auf die Genovevaburg etwa 300 Meter Luftlinie entfernt.

Ich erinnere ich mich noch an die alte Siemens WK2 Sirene, die auf einem der Burgtürme installiert war und die mit ihrem durchdringenden heulenden Ton einst einen Luftangriff ankündigte. Jedoch diente sie in den späteren friedlicheren Zeiten noch als akustisches Signal, um bei einem Brand die Feuerwehr zu mobilisieren. Die langsam steigernde Frequenz bis hin zu dem durchdringenden Dauerton hatte etwas Unheimliches und ließ bei mir schon damals im Alter von drei oder vier Jahren ein höchst unbehagliches Gefühl entstehen.

Das Obergeschoss erreichte man über eine enge Holztreppe, die an einer kleinen Toilette vorbeiführte. Ein voluminöser Mensch hätte seine Schwierigkeiten gehabt, dort sein Geschäft zu verrichten. Für meine Eltern, mich und meine Oma standen auf der 1. Etage drei kleine Zimmer zur Verfügung, deren Größe im Schnitt bei 12 Quadratmeter lag. Das zwang zur Sparsamkeit in der Möblierung. Dieses übersichtliche Raumangebot mussten sich also drei Erwachsene und ein Kleinkind teilen. Im obersten Geschoss des Hauses residierte Familie Ax, das heißt, Tante Mina, Onkel Albert und deren Tochter Margret, meine Kusine. Sie war ein Jahr jünger als ich. Wir betrachteten uns von jeher als so etwas wie Bruder und Schwester. Uns verbündeten die gemeinsamen Freundinnen und Freunde und das daraus entstehende Spielgeschehen im Garten, Kohlenlager oder auf der Straße.

Mit etwa vier Jahren machte ich Bekanntschaft mit dem Kindergarten, der rund 500 Meter von unserem Haus entfernt lag. Der Weg dorthin war absolut verkehrsarm und ließ es zu, dass ich mich selbständig morgens auf den Weg machte – entlang der Genovevaburg und dann in Richtung Herz-Jesu-Kirche, in der ich auch katholisch getauft wurde. Der Kindergarten wurde von katholischen Ordensschwestern und Betreuerinnen geführt. Für eine dieser Betreuerin schlug mein unschuldiges kindliches Herz nur deshalb, weil ihre Haarfarbe mich an die sonntägliche wohlschmeckende Bratensauce, die zum Fleisch serviert wurde, erinnerte. Diese lukullische Assoziation war so intensiv, dass sie mir noch heute gegenwärtig ist. Ebenso lebendig ist die Erinnerung an eine weihnachtliche Veranstaltung des Kindergartens, bei der ich bei einem Krippespiel einen Hirten zu mimen hatte. Meine beiden Sätze, die ich von mir zu geben hatte, lauteten: “Kindlein im Stroh, mach’ uns alle froh“ und „Kindlein im Stall, hab’ uns lieb all“. Meine Eltern, die mein Rollenstudium daheim beobachteten, dichteten aus mir unerfindlichen Gründen das Ganze um in „Kindlein im Stroh, pup nicht so“ und „Kindlein im Stall, nicht so viel Knall“. Am Abend der Vorführung stand ich also auf der kleinen Bühne, traf mit meinem suchenden Blick die Augen meiner Eltern und entdeckte so etwas wie Angst darin. Ich sprach: „Kindlein im Stroh,........mach’ uns alle froh“, „Kindlein im Stall ....hab’ uns lieb all“. Eine herzliche Umarmung nach diesem Auftritt ließ mich ahnen, welch große Erleichterung diese beiden belanglosen, von mir ausgesprochenen, Sätze bei ihnen herbeigeführt hatten.

Zur Belohnung erhielt ich zu Weihnachten eine Mundharmonika, auf der ich fleißig übte und schon bald so einfache Melodien wie „Hänschen klein“ etc. hervorbrachte. Ich wagte mich an Anspruchsvolleres und konnte sehr bald das von Heinz Rühmann gesungene Stück „Wozu ist die Straße da zum Marschieren“ aus dem im Jahre 1936 gedrehten Film „Lumpacivagabundus“ und „Maria aus Bahia“ (René Carol) fehlerfrei vortragen. Der Winter verging und ich stand kurz vor der Einschulung. Doch das Schicksal entschied sich zunächst dafür, mir ein erstes Schnippchen zu schlagen.

Unser Nachbar zur Rechten hielt sich ein paar Hühner und einen Truthahn auf einem Gelände hinter dem Haus, das an das unsrige angrenzte und durch einen gusseisernen Zaun getrennt war, der ein feindseliges Erscheinungsbild hatte: Vertikale Stäbe im Abstand von etwa 15 cm, dessen Enden aus nach oben gerichteten Spitzen bestanden. Verbunden waren diese parallel angeordneten „Spieße“ durch zwei horizontal verlaufende Streben in etwa 20 und 80 Zentimeter Höhe.

An jenem Karfreitag (7.4.1950) wollte ich mal wieder die Hühner von nebenan mit frisch gerupftem Gras unserer kleinen Wiese verwöhnen und benutzte die untere Querstrebe, um mich ein wenig größer zu machen um damit das frische Grün über die bedrohlichen Metallspitzen werfen zu können. Im Moment des Werfens rutschte ich jedoch ab, sackte dadurch 20 Zentimeter tiefer – und mit meiner rechten Wange genau in die Höhe, in der sich eine Spitze befand. Sie bohrte sich rechts unterhalb der Lippe in meine Wange. Mein Vater schnappte mich und eilte mit mir hinüber ins Kreiskrankenhaus. Dort diagnostizierte man eine ankerförmige, tiefe Verletzung des Gewebes, das lediglich noch im Bereich der Schleimhaut unversehrt war. Es wurde nicht genäht sondern geklammert und mit einem Kopfverband versorgt, der nur noch die Augen, die Nase und den Mund aussparte. Diese Vermummung half mir, meine Ängste am Tage der Einschulung ein wenig zu dämpfen, denn man konnte mich ja eigentlich nicht sehen, bzw. erkennen. Das war jedoch der Augenblick, in dem ich bereits beschloss, meine Narbe zu gegebener Zeit mit einem Bart zu kaschieren. Bis dahin sollten jedoch noch mindestens 12 Jahre ins Land gehen.